Hosapete – ಹೊಸಪೇಟೆ

Vorhin sind wir wieder mit der Rikscha durch Hospet gefahren und ich hatte einmal mehr das starke Verlangen, jede Winzigkeit dieses chaotischen Lebens und vor allem die Menschen selbst in Wort und Bild festzuhalten. Fotografieren ist schwierig, da man seine Kamera zuallererst vor Straßendieben schützen muss. Man zieht eh schon genug Blicke auf sich, wenn man weiß ist. Dann kommt erschwerend hinzu, dass die Leute teilweise nicht sehr erfreut sind, wenn man sie und ihr Wohnumfeld einfach ablichtet. Ich will die Menschen auch nur ungern um Erlaubnis fragen. Erstens verstehen sie mich eh nicht und sollten sie meine wilden Handbewegungen doch irgendwann richtig interpretieren, würden sie versuchen, sich wirksam in Szene zu setzen und der Moment des Augenblicks wäre dahin. Am liebsten würde ich die Zeit einfach anhalten, Hospet in ein großes Zeitvakuum stecken und in aller Ruhe meine Bilder schießen. Da dies aber nur im Film funktioniert, habe ich mir gedacht, mich mit Worten dem indischen Straßenleben zu nähern und meine Beobachtungen aus dem Gedächtnis heraus aufzuschreiben.

Wenn wir Rikscha fahren, dann wackelt es und wir wackeln mit. Die Radachsen sämtlicher Fahrzeuge haben unter dem gleichen Problem zu leiden: Die Straßen sind kaputt. Schlaglöcher, Pfützen und Huckel müssen aufwändig umfahren werden. Ebenso Kühe, Ochsen und Esel. Wo in Deutschland nach wenigen Minuten im Radio zu hören wäre: „Besondere Vorsicht auf der B247. Es befinden sich Tiere auf der Fahrbahn“, kümmert es hier niemanden. Und wenn ein glotzendes Rind mitten auf der Kreuzung steht und vor sich hinkaut, so wird es umge… nein (!) umfahren; von hupenden Rikschas, von lärmenden Motorrädern, von protzenden Autos, von rostenden Überlandbussen, von stinkenden Lastern mit überladenen Anhängern, von klappernden Fahrrädern, von archaischen Ochsengespannen und von Hand geschobenen Obstkarren. Jeder fährt wie er will. An den Linksverkehr hält sich nur die knappe Mehrheit. Wende- und Überholmänover geben die Adrenalinstöße im indischen Straßenverkehr. Hierbei zählt jeder Millimeter und jede Zehntelsekunde. Kurz bevor es zur Kollision kommt, scheren die Fahrzeuge wieder in ihre eigentliche Spur.
Am staubigen Straßenrand sehen wir Kinder, die im und mit dem Müll spielen. Ein kleiner Junge nutzt den Bordstein als öffentliche Toilette. Inmitten von Dreck, Verpackungen, Papier, Kuhfladen, Essensresten und sonstigem Abfall räkeln sich schwarze, dickbäuchige Schweine müde in der Sonne. Krähen fliegen umher, magere Hunde suchen nach Essbarem. Ein paar Hühner springen über die verdreckten Abwasserkanäle, in der schwarzes, nach Fäkalien riechendes Wasser vor sich hinkeimt.
Der Gestank, der aus den Kloaken wabert, mischt sich mit dem Geruch von Abgasen, Essensdämpfen und Gewürzen. An jeder Straßenecke riecht es ein wenig anders. Die eine riecht mehr nach heißem Frittieröl und Kartoffelchips, die andere mehr nach süßen Früchten, nach überreifen Bananen und Apfelsinen.
Auf der Straße laufen die seltsamsten und skurrilsten Gestalten herum, die man sich vorstellen kann. Da haben wir zuerst die Frauen, die weite bunte Saris in allen Farben, dazu Armreifen, Halsketten und Ohrringe tragen. Muslimische Frauen sind in diese typischen Gewänder aus schwarzem Stoff gehüllt, die bis über den Kopf reichen und nur den Augen einen schmalen Sichtschlitz bieten. Die klassische indische Oma hat ein altes, faltig-braunes Gesicht, einen dicken roten Punkt auf der Stirn und weißes, verfilztes Haar. Der ganze Körper ist voller Schmuck und anderem glitzerndem Klunker: Armreifen, Halsketten, Fußketten, Ringe an Finger und Zehen. Auf der wettergegerbten Haut sieht man häufig Pigmentfarben und Tätowierungen. Die Männer tragen meistens lange Hose und Hemden. Wer Geld hat, besitzt ebenso eine Sonnenbrille, ein Handy und ein Motorrad. Die Greise wickeln sich Stoffbahnen zu Hosen und tragen alte Lumpenhemden. Auf deren Köpfen entdecken wir Turbane, Schals, Wollmützen und Kappen. Doch erst der Bart gibt dem Opa das gewisse Etwas, das Patriarchalische. Man sieht Vollbärte und Schnurrbärte in allen Formen und Größen.

Manche Leute sitzen auf dem Bordstein und unterhalten sich, andere schlafen auf dem staubigen Boden, andere bekommen eine neue Frisur, wieder andere eilen in Handyläden oder Banken. Hungrige Inder genehmigen sich landestypische Spezialitäten in den zahlreichen Restaurants und Imbissbuden. In den kleinen Straßenkiosks warten indessen klebrige Süßigkeiten, Schokoriegel, Zigaretten, Schnupftabak, magische Pilze, Drogen und andere abgepackte Rauschmittelchen auf deren regelmäßige Konsumenten. Aber auch Toast, Gewürze, Zahnbürsten und Zahnpasta sind dort erhältlich. Hinter den Ladentischen sitzen meistens alte Männer mit dicken, massiven Brillen, die reglos aus ihrem Blechhäuschen starren. Vielleicht beobachten sie Frauen, die mit Körben und Reisigbündeln auf dem Kopf waghalsig die Straße überqueren, Fahrradfahrer, die irrsinnige Lasten transportieren oder Kinder, die in sauberen, blauen Uniformen zur Schule laufen.
Im Schatten der Häuserwände sitzen einige Bettler und strecken müde die Hand aus.
Ein paar Meter weiter haben sich einige Straßenverkäufer niedergelassen und verkaufen dort im Schutz ihres Sonnenschirms Obst, Erdnüsse, Kokosnüsse, Tonkrüge, Topflappen, Blütenkränze, Gewürze, Blech, Schrott, Sandalen, Vorhängeschlösser, Zimmerpflanzen und Holzlöffel. Das Geschehen in den verschiedenen Geschäften verlagert sich auf den Bürgersteig. Schneiderinnen sitzen vor ihren bunten Textilgeschäften und nähen Hemden, Hosen und Saris. Schuster polieren die Schuhe ihrer Kunden. Strickverkäufer drehen Hanfseile. Hühnchenschlachter köpfen federlose Vögel und stapeln die toten Tiere auf dem Ladentisch. Zuckerverkäufer pressen mit großen Zahnrädern den süßen Saft aus dem Zuckerrohr.
Jeder versucht hier, irgendwie Geld zu machen. Es gibt dafür keine Regeln und Normen, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Armut macht erfinderisch.

Das Straßenleben in Indien überflutet die Sinne. Die ungeheure Vielfalt an Eindrücken benebelt die Wahrnehmung. Auch wenn es stinkt, und vieles zum Ekeln und Heulen einlädt, die Eindrücke sind unglaublich abwechslungsreich und interessant.

Veröffentlicht von BWI-MEDIA

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary

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