Ein freudiges Herz

Ein Freund, der zusammen mit mir in Frankfurt Theologie studierte, hat mir einmal von einem außergewöhnlichen Experiment erzählt. Er hatte von seinem geistlichen Begleiter die Aufgabe bekommen, einen ganzen Tag so viele Menschen wie möglich zu grüßen. Bekannte und natürlich auch fremde Menschen. Nach anfänglichen Hemmungen sprang er irgendwann über seinen Schatten und grüßte freundlich jede Person, der er begegnete. Als er in die Frankfurter U-Bahn stieg und die vielen Menschen vereinzelt, stoisch ins Leere blickend und in-sich-gekehrt vorfand, grüßte er einfach die schweigenden Fahrgäste auf den Vierer-Sitzen. „Guten Tag“, sagte er freundlich. Was glaubt ihr, war die Reaktion der Leute? Die Fahrgäste zeigten ihm sofort ihre Fahrscheine!

Als ich in Asien gereist bin, habe ich mich immer wieder gefragt: Warum sind viele Menschen scheinbar am zufriedensten, die materiell gesehen ziemlich wenig besitzen, keine Krankenversicherung haben und Tsunamis oder Wirbelstürme fürchten müssen? Warum strahlen häufig die ärmeren Menschen so viel Güte, Freundlichkeit und Herzlichkeit aus, obwohl sie nicht wissen, welches Glück Weichspüler für Frotteetücher verheißen oder welches Gefühl von Freiheit eine bestimmte Automarke vermittelt?

Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt meiner Meinung im soeben gehörten Johannes-Evangelium. Hier gibt Jesus eine wortwörtlich frohe Botschaft, er spricht sogar davon, wie unsere Freude vollkommen wird. Ein freudiges Herz ist das Ergebnis eines vor Liebe brennenden Herzens. „Ein neues Gebot gebe ich euch“, heißt es an anderer Stelle, „dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe“. Die Menschen in Galiläa fühlten sich zu Jesus hingezogen, weil sie spürten, dass da etwas Kräftiges in ihm ist. Jesus strahlte diese Kraft aus – aus seinen Augen, seinen Händen, aus seinem ganzen Leib. 

Und immer wieder ruft er die Menschen dazu auf, in seiner Liebe zu bleiben. Doch was meint Jesus damit?

Das Bleiben-In-Seiner-Liebe lässt sich am besten verstehen, wenn wir auf die Bildrede vom Weinstock schauen. Jesus sagt von sich, „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer.“ Wir dagegen sind die Reben am Weinstock. Bleiben wir am Weinstock, dann bringen wir reiche Frucht, getrennt vom Weinstock können wir nichts vollbringen. „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“ Wer in seinem Denken und in seinem Tun Platz hat für Christus, der hat Anteil an der Liebe des Vaters zu ihm und seiner Liebe zum Vater. Ein solcher Jünger Jesu ist wie eine gute Rebe am Weinstock, er wird vom Winzer gereinigt, damit er mehr Frucht bringt.

Das Bleiben in der Liebe wird konkret im Halten der Gebote der Gottes- und Nächstenliebe. „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.“ Glück und Freude entspringen demnach einem Herzen, dass sich ohne Zaudern und frohen Mutes Gott und den Mitmenschen schenkt. „Gott liebt einen freudigen Geber“ schreibt Paulus im 2. Brief an die Korinther.

Wenn ich an freudige Geber denke, dann fallen mir unzählig viele Erlebnisse ein, die ich in Indien und in Afrika machen durfte: Menschen, die ich nicht kannte und die mich nicht kannten: Fremde in meinen Augen, sie haben mich wie einen Freund behandelt. Einmal war ich zum Beispiel Gast bei einer indischen Arbeiterfamilie. Die Eltern und sogar die Kinder waren alle Arbeiter in einem Eisenerz-Steinbruch und sie lebten in einer selbstgebauten Hütte aus Blech. Als sie mich in der Mittagshitze kommen sahen, freuten sie sich so sehr über den exotischen Besucher, dass sie mich spontan zu sich nach Hause einluden. Der Jüngste der Familie rannte gleich los, um eine eiskalte Cola-Flasche für mich zu kaufen. Selbst tranken sie nur Regenwasser aus einem benachbarten Brunnen. Die unverdiente Gastfreundschaft einer hinduistischen Arbeiterfamilie, die ich erfahren durfte, hat mich damals sehr bewegt, mich wirklich sprachlos und verlegen gemacht. 

Überall auf der Welt hungern und dürsten die Menschen nach der Liebe Gottes. Wir begegnen diesem Hunger, wenn wir Freude säen, so wie es die Arbeiterfamilie in Südindien oder mein Mitstudent aus Frankfurt getan haben. Das Evangelium kann unseren Glauben in dem Bewusstsein stärken, dass wir alle Brüder und Schwestern, ein  zusammenhängender, mystischer Weinstock in Christus sind. Und jede Rebe ist dann am glücklichsten und am zufriedensten, wenn sie am Weinstock bleibt und heranreift, Frucht bringt und sich fröhlich schenkt.

Homiletische Übung zu Joh 15,9-11; Canisianum, Innsbruck, den 2. Mai 2013

Veröffentlicht von BWI-MEDIA

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary

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