Stille in meinem Alltag…

Wir nennen ihn den „frommen Mittwoch“. Um 6.45 Uhr klingelt das Handy. Eine halbe Stunde später laufe ich mit Vinzenz, meinem Mitbewohner, müde und schweigend durch die morgendliche Stille der Offenbacher Landstraße in Richtung Sankt Georgen. Die Tram 16 rauscht an uns vorbei. Normalerweise stehen wir nicht so früh auf, aber mittwochs ist immer um halb acht Eucharistische Anbetung im Meditationsraum. Eine halbe Stunde knien wir dann mit anderen Studierenden und zwei Jesuiten schweigend und betend vor dem Allerheiligsten. Die Christus-Ikone hat uns im Blick.

Wenn wir nach einer halben Stunde der Anbetung das Tantum ergo singen, ist es draußen heller geworden und im Meditationsraum riecht es inzwischen nach frischen Brötchen, die jemand für das gemeinsame Frühstück mitgebracht hat.

Am Vormittag gehe ich in die Bibliothek. Meine Diplomarbeit, an der ich zur Zeit schreibe, hat auch viel mit der inneren Geistesruhe zu tun. Ich versuche das Verhältnis von Glaubensreflexion und Glaubenspraxis zu analysieren, aus buddhistischer und christlich-ignatianischer Perspektive. Ajahn Chah, ein thailändischer Waldmönch, hat zu Lebzeiten immer wieder gesagt: Keep the mind empty and let wisdom arise. Seinen Schülern lehrte er eine besondere Geistesruhe des Gleichmuts, auf thailändisch: uppekha. Ignatius von Loyola muss etwas Ähnliches gemeint haben, wenn er von Indifferenz schreibt. Diese auch praktisch einzuüben, ist für mich ein wichtiges Anliegen geworden. Sie befreit und führt zu einer heiteren Gelassenheit.

Das spirituelle Marathon-Programm zieht sich weiter durch den Tag. Um 11.30 Uhr ist Sankt Georgener Messe, wo Studierende und Lehrende der Hochschule zusammen die Eucharistie feiern. Wenn danach alle in die Mensa strömen und an der Essensausgabe warten, kann sich die heitere Gelassenheit gleich im Alltag bewähren… Am späten Nachmittag treffe ich mich mit Freunden von der Theatergruppe, um für das Stück Hysterikon zu proben. Als Aufwärmübung machen wir eine Sitzmeditation, bei der wir nach einer kurzen Zeit der Stille erlebte Gefühle aus der Erinnerung wachrufen. Freude, Hass, Trauer, Liebe. Es ist erstaunlich zu spüren, welche Präsenz und Spannung sich je nach Gefühl im Raum ausbreitet.

Am Abend reflektiere ich den Tag. Was lief gut, wo gab es Schwierigkeiten? Stille heißt für mich, einen Raum zu schaffen, um besser zu hören, um besser hin- und zuzuhören. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Wenn mein Geist zur Ruhe kommt, dann bin ich wirklich offen und wach, meine Mitmenschen möglichst vorurteilsfrei wahrzunehmen und die unaufdringliche Stimme in meinem Inneren zu hören.

Doch leider ist es oft nicht so einfach mit der inneren Ruhe. Als ich in Indien einmal verschiedene Meditationsformen ausprobiert habe, hörte ich oft den amüsanten Vergleich, der menschliche Geist sei wie ein betrunkener Affe. Dieser Affe ist ein Meister im Jonglieren von Gedanken; am liebsten spielt er mit Sorgen, Ängsten, Stolz und Vorurteilen, außerdem mit raffinierteren Konstruktionen wie Ich-sollte, Ich-muss, Ich-darf-nicht. Ja, Stille bedeutet für mich auch, meinen Affen zu dressieren, soweit das möglich ist…

Erschienen in GEORG: Magazin der Hochschule Sankt Georgen, 1/2014, S. 12

Veröffentlicht von BWI-MEDIA

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary

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