Klappe die Erste: Ein Spendenfilm muss her

Ich weiß es noch genau, wie mich Prof. Albert-Peter Rethmann fragte, ob ich nicht mit nach Äthiopien reisen wolle. Es war im Juni 2010 und wir saßen gerade im Auto zum Copy-Shop im Frankfurter Ostend, wo wir mehrere A0-Poster für das Rahel-Projekt drucken lassen wollten. „Wie stellen Sie sich das vor?“, fragte ich ungläubig. „Du begleitest einfach unsere Forschungsgruppe und drehst einen Film über Rahel in Adigrat.“ Er schien keinen Witz zu machen und es ernst zu meinen. Ich willigte natürlich ein.

Und so kam es, dass ich tatsächlich im Oktober 2010 für zehn Tage zusammen mit Prof. Rethmann und Gregor Buß vom IWM und Klemens Ochel, Arzt des Missionsärztlichen Instituts Würzburg, nach Äthiopien reiste. Das Forschungsprojekt handelte über „HIV/Aids in Afrika und die Anfragen an die Katholische Kirche“. Dieses Thema hing eng zusammen mit der Problematik der Aidswaisen und unserem Rahel-Projekt. Die Filmausrüstung bestehend aus einem Stativ, einer Kamera, mehreren SD-Karten, einem kleinen LED- Scheinwerfer und dem Funkmikro-Set teilte ich in zwei verschiedene Taschen auf. Und dann ging es los.

In Addis Abeba gab es gleich Probleme am Zoll. Wir hatten im Vorfeld leider keine Drehgenehmigung beantragt. Die Filmkamera dürfe erst das Flughafengebäude verlassen, wenn wir vom Ministry of Communication Affairs eine Erlaubnis hätten, hieß es. Und der geplante Anschlussflug nach Mekelle, in den Norden Äthiopiens, ging schon in wenigen Stunden. Prof. Rethmann und ich hatten also nur ein kurzes Zeitfenster. Mit dem Taxi fuhren wir durch das chaotische Addis zum Ministerium, das wir ohne den ortskundigen Fahrer niemals gefunden hätten. Die Angestellten im Ministerium waren glücklicherweise kooperativ und der zuständige Mitarbeiter im Office willigte schließlich ein, denn zufällig stammte er selbst aus Adigrat und er kannte die Situation der Aidswaisen in seiner Heimat. Er setzte ein offizielles Schreiben in der Landessprache Amharisch auf und stempelte es. Dankbar fuhren wir zurück zum Flughafen, wo Klemens Ochel und Gregor Buß auf uns warteten. Die Reise konnte mit der Kameraausrüstung fortgesetzt werden.

Von Mekelle ging es mit dem Jeep auf einer buckligen Piste nach Adigrat. Wir durften imEve Hotel übernachten, das außer uns Deutschen nur reiche Äthiopier und geschäftige Chinesen beherbergte. Die nächsten Tage waren straff durchorganisiert. Während Gregor Buß, Prof. Rethmann und Klemens Ochel mit den verantwortlichen Priestern der Diözese Adigrat sprachen und Konferenzen abhielten, war ich mit Woldemariam Besirat, einem pastoralen Mitarbeiter des ADCS unterwegs.

Wir trafen und interviewten Rahel und andere junge Äthiopier, die aufgrund von HIV ihre Eltern verloren hatten und auf finanzielle Hilfe seitens der Diözese angewiesen waren. Woldemariam führte mich zu namenlosen Hinterhöfen, wo wir immer wieder Stativ und Kamera aufbauten und ähnliche Geschichten erzählt bekamen: Von Dürrezeiten und schwieriger Viehzucht. Von Kindern, die sich um ihre Geschwister kümmern mussten und lange Schulwege zu bestreiten hatten. Von Auswanderern und Zurückbleibenden. Und trotz diesen harten Lebens, kam sie immer wieder zur Sprache: Die Hoffnung auf ein besseres Leben. Schüler erzählten mir von ihrem festen Willen zu lernen und ihr Land voranzubringen. Das beeindruckte mich sehr.

Woldemariam zeigte mir auch seine Heimat, das ländliche und sehr karge Gebiet von Errob, unweit der Grenze zu Eritrea. Heftige Bürgerkriege hatten vor wenigen Jahrzehnten das Land gespalten. Noch immer war in der Grenzregion Militär unterwegs, doch inzwischen war es ruhiger geworden. Viele Bewohner seien ausgewandert, meinte Woldemariam, entweder über die arabische Halbinsel oder quer durch die Sahara nach Europa.

Abends im Innenhof des Eve Hotel traf ich meine drei Mitreisenden. Während wir den Tag resümierten, aßen wir das typisch gebratene Ochsenfleisch mit Injerra, dazu ein kühles St. George Beer. Einmal lud uns auch der Bischof zum Abendessen ein. Fazit der Reise: Die katholische Kirche in Adigrat leistet wirklich großartige Arbeit angesichts der vielen Herausforderungen im Land.

Äthiopien Klappe die Erste war für mich keine leichte Reise, manchmal fühlte ich mich eher an einen Kreuzweg erinnert. Ein Kreuzweg im äthiopischen Gewand, der die Probleme in Deutschland bis ins Mark relativierte. Und trotz des ganzen Leids kam sie immer wieder kurz zum Vorschein: In strahlenden Gesichtern, zwischen spielenden Kindern, bei Kaffeezeremonien: die Hoffnung der Auferstehung.

Der Artikel ist erschienen in: Rahel – ein Bildungsprojekt für Adigrat / SIR (Student Initiative Rahel): Festschrift der Studierendeninitiative. Ein Blick durch die Zeit: 2010-2015, Frankfurt am Main, 2015, S. 20-22

http://www.rahel-projekt.de

 

Veröffentlicht von Benedikt Winkler

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary. Benedikt Winkler forscht zu „Theologien im Kontext religiöser Pluralität: Differenzierungen - Herausforderungen - Perspektiven und Chancen“. „Ich schreibe für Digital Natives, Digital Immigrants und Silver Surfer, welche die Geister unterscheiden möchten.“

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