Metanoia und Markenfetischismus

„Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, das heißt der Kapitalismus dient essenziell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben.“ Diese Worte schrieb 1921 der deutsche Kulturkritiker Walter Benjamin. Seine Einsicht in den damaligen Zeitgeist gilt heute mehr denn je. Wohin man auch schaut: Marken haben Fetischcharakter. Es zählt längst nicht nur der reine Gebrauchswert einer Ware, sondern vor allem deren Inszenierung. Das neoliberalistische Prinzip funktioniert durch Verführung. Gerade im Modegeschäft. Mehr als die Hälfte der deutschen Konsumenten achtet beim Kleiderkauf gezielt auf Marken. Ist der Käufer überzeugt, dann bleiben zwei Drittel der Konsumenten der jeweiligen Marke treu. In der Herstellung kostet eine Jeans in Bangladesch lediglich fünf Euro. Doch durch gewiefte PR und Vermarktung lässt sich hierzulande in den Boutiquen und Einkaufszentren in den hochfrequentierten Fußgängerzonen das Zwanzigfache erzielen. Laut Statistischem Bundesamt geben die Deutschen jährlich mehr als 70 Milliarden Euro für Bekleidung und Schuhe aus. Allein die Damenmode schlägt mit 25 Milliarden Euro jährlich zu Buche.

Eine Studie der britischen Agentur Tecmark belegt, wie die zunehmende Digitalisierung das Alltagsleben der Menschen prägt: Der durchschnittliche Nutzer greift pro Tag etwa 214 Mal zum Smartphone. E-Mails abrufen, Nachrichten lesen, Wetterberichte und Online-Banking, den Busfahrplan auf dem Weg zur Arbeit abrufen, und ein schnelles Update auf Instagram – als das geschieht mit wenigen Fingerwischs. Facebook zählt monatlich etwa 2 Milliarden aktive Nutzer. Doch wie „sozial“ sind die sozialen Netzwerke wirklich? „Wenn es nichts kostet, bist du das Produkt“, meint der britische Autor John Lanchester und warnt: Der Mensch werde zum Produkt einer algorithmengesteuerten Werbemaschinerie. „Big Data“ ist ein Milliardengeschäft. Google, Facebook und Co. wissen heute mehr über dich als der übergriffigste Staat je über seine Bürger wusste. Und der Mensch? Er löst sich im digitalen Panoptikum scheinbar auf in ein Netz kommerzieller Freundschaften und Beziehungen. Quantifiziert, optimiert und vermessen – so ist das kybernetische Menschenbild des Silicon Valley. Im Englischen würde man dazu wohl „zeitgeisty“ sagen.

Die deutsche Pop-Band „Glasperlenspiel“ hätte den Zeitgeist unserer Epoche kaum treffender besingen können, was über 100.000.000 Aufrufe bei Youtube eindrucksvoll bezeugen: „Ich wünsch‘ dir noch ein geiles Leben / Mit knallharten Champagnerfeten / Mit Fame, viel Geld, dicken Villen und Sonnenbrillen / Ich seh doch ganz genau, dass du eigentlich was and´res willst!“

Veröffentlicht von BWI-MEDIA

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary

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