Paul Tighe: „Wir müssen nicht offline gehen, um Spiritualität zu finden“

Interview mit dem irischen Kurienbischof Paul Tighe, dem Sekretär des Päpstlichen Kulturrates am 16. März 2018 in Frankfurt

Exzellenz, die Geschichte des Christentums ist eine einzige Mediengeschichte. Heute, so scheint es, entwickeln wir uns von einer Buchreligion zu einer Netzwerkgesellschaft. Wie leben und glauben Sie im digitalen Zeitalter?

Manche sehen im Übergang zur Netzwerkgesellschaft eine besorgniserregende Herausforderung für die Kirche, weil sie die Kirche als Hierarchie sehen. Viele Hierarchien wie Regierungen oder Finanzinstitutionen hatten mit dem Internet so ihre Schwierigkeiten. Aber die Kirche ist nicht nur eine Hierarchie. Die Kirche selbst ist ein Netzwerk. Ich denke, dass ist wichtig zu realisieren.

Mein Leben begann in einer kleinen irischen Gemeinde, die mich mit der Diözese und der institutionellen Kirche verband. Aber ich ging zur Schule der Loretto-Schwestern und die hatten Konvente in Indien. Im Alter von 5 oder 6 hörte ich bereits von Indien, deswegen hatte ich früh einen Sinn für die Weltkirche. Als gläubiger Katholik gehörst du vielen Gemeinschaften an. Der Reichtum, katholisch zu sein, besteht darin, verschiedenen Netzwerken anzugehören. Das ist eine Stärke, die wir beginnen sollten, anzunehmen. Daneben bin ich auch in anderen – eher säkularen – Netzwerken aktiv, aber ich habe nie aufgehört, der zu sein, der ich bin. Ich habe immer versucht, meine Entscheidungen und mein Engagement in Übereinstimmung mit meinem Glauben zu treffen. Vereinfacht gesagt, kommt es in diesen digitalen Umgebungen auf die Fähigkeit der Gläubigen an, die Wichtigkeit des eigenen Glaubens zu kommunizieren.

Ein Smartphone kann für die Kommunikation benutzt werden, aber mittlerweile auch zum Beten. Finden Sie, es ist eine gute Idee mit dem Smartphone zu beten?

Absolut, auf verschiedene Weise. Ich meine, du kannst Kirchen besuchen und der Besuch wird angereichert durch Apps auf dem Smartphone. Es gibt Menschen auf der Welt, die weit entfernt wohnen von der Kirche. Und dann gibt es eine App, die sehr einfach ist, die dir erlaubt, eine Kerze anzuzünden. Das ist ein alter Brauch, eine Kerze anzuzünden, die dich einlädt, für einige Momente still und ruhig zu verweilen. Ich denke nicht, dass wir offline gehen müssen, um Spiritualität zu finden. Meditation oder das Stundengebet gehen sehr gut mit einer Onlinepräsenz zusammen. Deswegen denke ich, dass uns Smartphones dabei helfen können. Oder wenn ich selbst auf Reisen bin, brauche ich als Priester kein schweres Stundenbuch mit mir herumtragen, denn dafür habe ich eine App. Ich kann überall in der Welt herumreisen und habe immer eine Übersetzung des Messtextes dabei. Ich merke, wie es mein spirituelles Glaubensleben bereichert.

Allerdings ist auch davon die Rede, dass heutzutage Aufmerksamkeit zu einer Währung geworden ist. Hinter den sozialen Netzwerken steht eine große Werbeindustrie mit all ihren bunten Verlockungen. Gibt es einen Dialog zwischen dem Vatikan und dem Silicon Valley über Fragen der der Zukunft?

Einen formellen Dialog zwischen dem Vatikan und dem Silicon Valley gibt es noch nicht. Aber es gibt zum Teil ältere Menschen, die im Silicon Valley arbeiten und die im Kontakt stehen mit Leuten von der Kirche, wo es einen Austausch von Einsichten gibt. Und manche von ihnen sind wirklich auf dem neuesten Stand der Technologien, und ich meine hier besonders die hochmodernen Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Sie sehen das Potenzial von dem, was sie tun, haben aber zum Teil auch Sorgen. Sie sehen radikale Veränderungen kommen in der Frage, was es bedeutet, eine menschliche Person zu sein oder welche Auswirkungen es haben wird für die Zukunft der Arbeit. Könnte es etwas sein, dass zu mehr Ungleichheit in unserer Welt führt? Wo verorten wir die moralische Verantwortung bei den Maschinen, die die Kapazität haben, schneller handeln zu können als wir? Deswegen sagen einige, die damit zu tun haben: „Ey, ey, ey, wir müssen das gründlich durchdenken und wir müssen mit Leuten sprechen, die die Quellen der Weisheit repräsentieren.“ Sie kommen also in die Kirche und wollen nicht wissen, was zu tun ist, sondern sie fragen, ob wir ihnen Perspektiven anbieten können.

Sehen Sie hier eine Bedrohung für die menschliche Freiheit?

Wir lernen, dass die menschliche Freiheit mehr bedingt ist, als wir dachten. Das ist eine Sache. Aber es gibt immer noch eine wesentliche Freiheit. Es ist wirklich interessant, auf der einen Seite kann Big Data sehr viel über uns erfassen, aber es kann traurigerweise auf Grundlage unseres vergangenen Verhaltens auch Vorhersagen machen für unsere zukünftigen Entscheidungen im Internet und wo wir hingehen werden. Hier gibt es ein Risiko. Wenn es meinen Suchverlauf kennt, und wenn ich dann nach Informationen über ein Thema suche, dann gibt es mir womöglich die Informationen, die ich immer wollte oder es entscheidet mir Informationen zu präsentieren, die ich gar nicht will. Abgesehen von der Tatsache, dass die menschliche Freiheit mehr bedingt ist, als wir meinen, gibt es immer etwas Einzigartiges und Eigenartiges, ein Mensch zu sein. Und ich glaube, dass das Wesen des Menschen nie ganz erfasst werden kann von informationsverarbeitenden Algorithmen.

Rückblick: Jahrestagung 2018

 

Veröffentlicht von BWI-MEDIA

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary

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