Zeit und Ewigkeit

In ihrer Geläufigkeit verstreicht sie gewöhnlich unbemerkt. Manchmal zerrinnt sie, manchmal entflieht sie. Manchmal dehnt sie sich unerträglich aus oder sie scheint stillzustehen. Die Zeit ist wesentlich Geheimnis, das wusste schon der heilige Augustinus, indem er fragte „Quid est ergo tempus?“ („Was also ist die Zeit?“) „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht; mit Zuversicht jedoch kann ich wenigstens sagen, dass ich weiß, dass, wenn nichts verginge, es keine vergangene Zeit gäbe, und wenn nichts vorüberginge, es keine zukünftige Zeit gäbe. Jene beiden Zeiten also, Vergangenheit und Zukunft, wie kann man sagen, dass sie sind, wenn die Vergangenheit schon nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht ist?“ (Liber XI, Caput XIV)

Jede Kultur und jede Epoche spiegelt die Vielfalt der Möglichkeiten wider, mit denen der Mensch im Verhältnis zu biologischen und kosmologischen Eigenzeiten lebt, sein soziales Miteinander gestaltet und es auf einen religiösen Horizont hin ausrichtet. Heute sind wir „in Echtzeit“ digital vernetzt und global miteinander verbunden, wir überqueren Zeitzonen und leben in virtuellen Räumen. Längst lässt sich an smarten Armbanduhren nicht nur die Zeit, sondern auch die Herzfrequenz und die tägliche Schrittzahl ablesen. Vieles findet gleichzeitig statt, sodass sich unsere Tätigkeiten in einem Einheitsbrei zielloser und gleichzeitig ablaufender Daueraktivitäten aufzulösen scheinen. Das „intensive Leben“ (Tilman Garcia) der „erfahrungsungeduldigen Erlebnisgesellschaft“ (Ottmar Fuchs) kann über eine gewisse Leere nicht hinwegtäuschen, die sie selbst hervorbringt.

Ich frage mich, wo bleibt im Getriebe der Zeit die Muße? Wo bleibt das innere Verkosten der Dinge? In welchem Verhältnis stehen die messbare Zeit (Chronos), der qualitative Augenblick (Kairos) und die Fülle der Zeit (Pleroma)? Was haben sich heutige Naturwissenschaftler, Quantenphysiker und Positivisten nach Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie sowie Philosophen und Theologen zu sagen? Wie verhält sich Zeit zu Ewigkeit?

Buchempfehlung:
Christian Bock: Zeitenfülle. Annäherungen an das paradoxe Verhältnis von Vergänglichkeit und Vollendung. Echter Verlag, 2017.

Veröffentlicht von BWI-MEDIA

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary

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