Was sagen Theologen zur COVID-19-Pandemie?

Das Wort Pandemie πανδημία (pandēmía) setzt sich zusammen aus der altgriechischen Vorsilbe παν pãn (alles) und dem Substantiv δῆμος dēmos (Volk). Eine Pandemie ist eine Krankheit, „die alles, das ganze Volk“ betrifft. Das erleben wir gegenwärtig mit der COVID-19-Pandemie. Wie gehen wir als Gesellschaft, als Kirche mit einem Virus um? Was stört mich in Zeiten von Corona?

Vielleicht lässt sich die gegenwärtige Situation um COVID-19 mit einer Muschel vergleichen, in die ein Fremdkörper eingedrungen ist. Wie reagiert die Muschel? Statt den Fremdkörper als Feind zu behandeln, macht die Muschel aus ihm eine Perle. Er wird kostbar umschlossen und ummantelt, zur Perle gemacht, damit er keinen Schaden anrichten kann. Ein Bild für Quarantäne.

Was sagen Theologen sonst über die gegenwärtige Pandemie? Wie bewerten sie sie? Welche Bedeutung sollte der Schutz von vulnerablen Menschen (z.B. Schutz der Alten) in einer Gesellschaft haben? Was könnten Lehren aus der Pandemie sein? 

Oder praktisch pastoral-seelsorglich gefragt: Wie begleite ich Betroffene? Wie spreche ich mit Menschen, von denen eine Infektionskette ausgegangen ist? Wie unterstütze ich Familien in ihrer Trauerarbeit, wenn sie sich kaum oder gar nicht von ihren Angehörigen verabschieden konnten? Wie begleite ich Menschen, die vereinsamen?

Nachfolgend einige Stimmen von bekannten Theologen zur Coronakrise.

Unsere Welt ist krank. (…) Das globale Phänomen der Corona-Pandemie macht dies deutlich. Es ist biblisch gesagt, ein Zeichen der Zeit. (…) Nach dieser globalen Erfahrung wird die Welt nicht mehr die selbe sein wie vorher – und offensichtlich soll sie auch nicht mehr die selbe sein. (…) Es ist nun an der Zeit, auch die tieferen Zusammenhänge dieser Erschütterung der Sicherheiten unserer Welt in den Blick zu nehmen. Der unausweichliche Prozess der Globalisierung hat anscheinend seinen Höhepunkt erreicht: Jetzt zeigt sich die globale Verwundbarkeit der globalisierten Welt. (…) Die Kirche soll jedoch wie ein gutes Krankenhaus noch weitere Aufgaben erfüllen: die Diagnose („die Zeichen der Zeit“ zu erkennen), die Prävention (Gesellschaften, in denen sich die bösartigen Viren der Angst, des Hasses, des Populismus und des Nationalismus verbreiten, zu immunisieren) und die Rekonvaleszenz (durch die Vergebung die Traumata der Vergangenheit aufzulösen).

Tomáš Halík ist Templeton Preisträger und römisch-katholischer Priester.

Christians are confused. They have always been taught to value togetherness: family, community, neighbourhood. They have never been taught that ‘Social Distancing’ was a strength. Take care, what is really asked is not social distancing, but physical distancing. Human beings are social, and need to remain ‘social.’ Interactions through phone calls, digital communications, and video chats are still possible. Love manifests itself in many ways. Jesus merely looked at Peter, but it meant everything (Lk 22:51). The weak and the aged must not be made to feel neglected, lest they become lonely and psychologically traumatised. Humans need human affection which alone has the healing power. Co-suffering is a value.

Thomas Menamparampil is roman-catholic Archbishop of Guwahati

Die Terminologie beschreibt exakt, was politisch gewollt derzeit geschieht: Regierungen bauen auf wissenschaftlicher Basis ein Zukunftsszenario auf, das Menschen diszipliniert, und alles ausschließt, was das Erreichen des obersten politischen Ziels, nämlich das bestehende Gesundheitssystem nicht zu überlasten, stört. Die Bevölkerung trägt die Disziplinierungen mit, reagiert aber auch mit Formaten gesellschaftlichen Lebens, dies bisher als undenkbar (Achtsamkeit und Rücksichtnahme) oder in dieser Breite als undurchführbar galten (z.B.: Homeoffice). Menschen knüpfen neue, bis dahin unerhörte Verbindungen untereinander und bilden eine neue Wirklichkeit (geprägt vom Care-Gedanken), durch die die disziplinarischen Grenzen einerseits eingehalten, andererseits aber relativiert werden. Dieser Care-Gedanke könnte die Kraft haben, das in der Vergangenheit dominierende Profit- und Wachstumsstreben zu korrigieren. Er könnte ein Teil der Good-Governance Regeln der Wirtschaftsunternehmen werden, die derzeit die schmerzhafte Erfahrung machen, dass eine Vernachlässigung des Care-Gedankens sie von heute auf morgen existentiell in Bedrängnis zu bringen vermag.

Michael Böhnke ist römisch-katholischer Theologe

Die Frage: Warum lässt Gott das zu?, ist eine Zuschauerfrage, nicht die Frage der Betroffenen. Sie fragen nach Heilung und Trost. (…) Wer gewinnt in Zeiten der Pandemie? 1. Der tägliche Konkurrenzkampf der Menschen ist stillgelegt. Da alle betroffen sind, lernen sie jetzt, die Solidarität zu schätzen. In der erzwungenen Stille lernen sie Geduld. 2. Der größte Gewinner aber ist die Natur. Ich bin gespannt auf die CO2-Bilanz des Jahres 2020. Die naturgemachte Katastrophe hat auf der ganzen Menschenwelt zu einschneidenden Maßnahmen geführt. Die menschengemachte Umweltkatastrophe sollte mit ähnlichen Maßnahmen und einer ähnlichen Solidarität bekämpft werden.

Jürgen Moltmann ist evangelischer Theologe

Will Gott uns durch Corona etwas sagen? Ich glaube nicht, dass Corona eine Strafe Gottes ist. So kann ich mir Gott nicht vorstellen. Aber dass Gott durch Krisen bei uns anklopft und uns zum Nachdenken einlädt, das glaube ich fest. So habe ich meine eigenen Erkrankungen letztes Jahr erlebt. Jetzt kommt bald Ostern, Gottes großes Ja zum Leben. Daher glaube ich: Es wird gut werden!

Kardinal Christoph Schönborn ist Erzbischof von Wien

Patient*innen, die wegen COVID-19 in stationärer Behandlung sind, leiden in ausgeprägtem Maße unter Isolation, einer ausgeprägten Todesangst und einem rapiden Krankheitsverlauf. Eingeschränkter oder verbotener Besuch von An- und Zugehörigen verstärkt die Belastung und intensiviert die Symptomlast. Seelsorger*innen sollten sich in den behandelnden Teams für die Wahrnehmung der psychosozialen und spirituellen Bedürfnisse und eine entsprechende Betreuung einsetzen.

Traugott Roser, Simon Peng-Keller, Thomas Kammerer, Isolde Karle, Kerstin Lammer, Eckhard Frick; www.covid-spiritualcare.com

Veranstaltungen fallen aus, Einrichtungen bleiben geschlossen. Wir sind es nicht gewohnt in dieser Weise unfreiwillig auf uns selbst zurückgeworfen zu sein. Doch wir könnten versuchen, die unerwartet „geschenkte“ Zeit zur Besinnung auf uns selbst und zum Austausch mit unseren Lieben zu nutzen, und uns neu dem Gott zu öffnen, der will, dass wir leben – und zwar in neuer Tiefe.

Jürgen Janik ist katholischer Klinikseelsorger in Mainz

The COVID-19 pandemic is challenging us all to establish new ways of coping. Our previous ways of managing stress, anxiety, and hardship either aren’t available or aren’t working in the same ways. This may be especially true for children. Children have not had the same time to experience life that adults have had. They haven’t yet developed the assurance that hard times come and go; or that even when hard times persist, we learn new ways of living through the crisis.

In: „Helping children cope through a pandemic“ – Dr. Pam Davis is an Associate Professor and Director of Graduate Counseling at Gordon-Conwell Theological Seminary in Charlotte, NC

Was immer wir mit dem Gott des Evangeliums in diesen Tagen verbinden wollen oder sollen, ich bin tief davon überzeugt, dass Jesus Christus die Menschen damals und heute nicht aus der Situation wegzaubern wird. Immer führt sein Evangelium uns in die rechte Weise in unser eigenes Leben hinein. Es ist und bleibt ein Evangelium der Freiheit und damit auch der eigenen Verantwortung. Das Evangelium mutet, wie Bonhoeffer es ausdrückt, uns unsere Mündigkeit zu: vor und mit Gott! Mir scheint das für diese Haltung, die aus der ermutigenden Zuversicht in der Begegnung mit dem „Anführer des Lebens“ erwächst, ein Wort des Ignatius von Loyola aktueller denn je ist: „Wir müssen so auf Gott vertrauen, als ob alles von uns, nichts von Gott abhinge. Wir müssen unsere Kräfte aber so einsetzen, als ob alles von Gott, nichts von uns abhinge.“ Ignatius sagt also: „Bete, als hinge alles von dir ab, handle, als hinge alles von Gott ab.“ So singt es auch die fünfte Strophe jenes Liedes, das in einer der dunkelsten Epochen Mitteleuropas, dem 30-jährigen Krieg, entstanden ist. Beides ist uns aufgegeben und in dieser Spannung steht unser christlicher Glaube heute, und nur wenn wir beide Pole dieser Spannung halten, werden wir bleiben und neu werden. Im Geist Bonhoeffer möchte ich deshalb sagen: „Handle so, als ob es scheinbar Gott nicht gäbe, und bete in diesem Handeln so, dass du dadurch selbstvergessen restlos Dich und alle(s) Gott anvertrautest.“

Roman Siebenrock ist römisch-katholischer Theologe

In welche Richtung soll man also weiterdenken? Gerade angesichts der Tatsache, dass die „physische“ Distanzierung auch die Feier des Triduum Sacrum und die Ostertage betreffen wird. Die Analogie zur Situation der im verriegelten Abendmahlssaal sitzenden Jünger lädt dazu ein, über neue Modelle kirchlich-sakramentaler Präsenz unter den „sozial distanzierten“ Gläubigen nachzudenken. Das Anschauen der Fernsehübertragungen kann höchstens in der Logik vom substantiell nicht notwendigen „Nachtisch“ verstanden werden. 

Jozef Niewiadomski ist römisch-katholischer Priester

Veröffentlicht von Benedikt Winkler

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary. Benedikt Winkler forscht zu „Theologien im Kontext religiöser Pluralität: Differenzierungen - Herausforderungen - Perspektiven und Chancen“. „Ich schreibe für Digital Natives, Digital Immigrants und Silver Surfer, welche die Geister unterscheiden möchten.“

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