Für die Flucht riskierten sie alles

Günter Wetzel floh mit seiner Familie und der Familie Strelzyk in der Nacht vom 15. zum 16. September 1979 mit einem Heißluftballon aus der DDR. Die Flucht von acht Personen im selbstgenähten Ballon wurde zweimal verfilmt: „Mit dem Wind nach Westen“ (1981) und „Ballon“ (2018). Ein Zeitzeugen-Interview über die Geschichte zweier Familien und das Aufwachen im Kapitalismus.

Herr Wetzel, Sie schreiben auf Ihrer Website, die Gründe vor über 40 Jahren aus der DDR zu fliehen, waren Angst, Misstrauen und Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Welche Konsequenzen bedeutete die Flucht aus der DDR?
Den Wunsch aus der DDR rauszukommen hatten viele. Wir wussten natürlich, wenn wir auf diese Weise fliehen, werden wir Freunde und Bekannte nicht wiedersehen. Das Eigentum wäre weg – das haben sich manche überlegt. Für uns stand fest, wir nehmen das in Kauf. Als dann die Idee zum Ballon kam, war ich überzeugt, dass da nichts passieren kann. Heute sehe ich es anders.

Wie waren die Momente nach der Landung in dem Waldgebiet bei Naila in einem Heißluftballon nachts um 3 Uhr?
Wir haben erstmal bei der Polizeidienststelle unsere Daten aufgegeben. Dann waren wir im Rotkreuzheim und dann sollte es zum Landeplatz gehen. Das technische Hilfswerk hatte den Ballon zusammengerollt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon starke Schmerzen in der rechten Wade und bin dann ins Krankenhaus gekommen. Dadurch habe ich in der ersten Woche nicht so viel mitbekommen. Natürlich waren die Medien da.

Wie war das mediale Interesse? Welche Verträge wurden geschlossen damals?
Der STERN hat einen Vertrag mit Peter geschlossen, dann sind sie auch zu mir gekommen. Ich habe den Vertrag auch mit abgesegnet. Damit waren wir für die ersten vier Wochen an den STERN gebunden. Das hieß, ich lag die erste Woche im Krankenhaus, danach ging es ins Hotel, denn die hatten in einem kleinen Landhotel in Naila ein Zimmer gebucht. Dort war ich allerdings nur eine Nacht und dann ging es weiter nach Wirsberg ins „Hotel zur Post“ und da haben wir dann die nächsten drei Wochen zugebracht, sodass wir vor anderen Medien abgeschirmt waren und der STERN uns für sich allein hatte. Die haben den vierwöchigen Bericht über unsere Flucht gebracht.

Wie ging es weiter?
Nach den vier Wochen sind wir von allen weiteren Medien angesprochen worden. Man muss schon sagen, wir sind ein wenig herumgereicht worden. Es gab verschiedene Veranstaltungen, bei denen man uns ein wenig vorgeführt hat. Wir waren völlig überrumpelt von der ganzen Situation. Ich muss sagen, was das erste Vierteljahr angeht, habe ich heute noch ein richtiges Loch im Kopf. Ich weiß bis heute nicht, wie das alles abgelaufen ist. Ich muss in Zeitschriften nachsehen, was wir damals alles gemacht haben. Klar, das Grobe hat man schon mitgekriegt. Wir waren bei Hans Rosenthal in Wien zu „Dalli Dalli“ eingeladen und auf dem Weg dahin waren wir noch bei Franz-Josef Strauß in der Staatskanzlei.

Wie sind die Filmstudios auf Ihre Geschichte aufmerksam geworden?
Der STERN hat mit den Walt Disney Studios vereinbart, dass die ganze Sache verfilmt wird. Und auf Basis des STERN-Artikels sollte dann der Film entstehen und er ist ja auch entstanden. Trotzdem haben sie uns noch für zehn Tage nach Los Angeles, speziell Hollywood eingeladen. Was wir da in den Studios erzählt haben, hat die da gar nicht mehr so sehr berührt. Ich hatte zum Ende des Jahres genug von dem ganzen Spiel und habe mich im Januar komplett zurückgezogen von der ganzen Öffentlichkeit.

Wie sind die Filmrechte zu Walt Disney gekommen?
Die Verträge waren geschickt ausgehandelt worden. Die Filmrechte waren da noch nicht enthalten. Der STERN hatte am meisten von der Geschichte. Über Summen werde ich grundsätzlich nichts sagen. Die Rechte sind durch den Vertrag bei Walt Disney gelandet. Das heißt die Filmrechte unserer Geschichte liegen für immer und ewig bei Walt Disney.

Gab es Rechtsstreitigkeiten?
Wir waren dumme Ossis und hatten von dem ganzen überhaupt keine Ahnung. Und selbst der Rechtsanwalt, der sich für uns eingesetzt hat, selbst den haben sie über den Tisch gezogen. Der hat es auch nicht gemerkt, wo es hingeht. Dr. Jürgen Warnke, der mal Minister war und Rechtsanwalt, er hat sich uns angeboten, uns zu unterstützen. Er hat nicht gemerkt, wo das mit den Rechten hingeht. Anwälte haben ganz andere Erfahrungen. Ich habe bis heute kein Problem damit. Wir haben gekriegt, was wir damals kriegen konnten. Wir konnten uns eine Wohnung einrichten. Wir konnten uns ein neues Leben aufbauen. Ich bin mit dem zufrieden, wie es gekommen ist. Ich schaue nicht in irgendeiner Weise zurück mit Neid oder Ärger oder mit sonst was. Es war halt so – fertig aus. 

Lebensgeschichten sind etwas sehr persönliches. Jeder Mensch hat eine konkrete Geschichte. Wem gehört Ihre Geschichte nun?
Eigentlich gehört sie uns, aber wir haben sie halt verkauft. Es ist unsere Lebensgeschichte, aber wir haben es hingenommen, dass wir sie weggegeben haben. 

Wie steht es um den Wahrheitsgehalt?
Es ist so, der Disney-Film hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich habe den ein paar mal anschauen müssen, aber war seitdem nie wieder im Kino. „A Star is Born“ – sowas schaue ich mir an. Filme, die auf wahren Geschichten beruhen, damit hatte ich irgendwie ein Problem. Der Maßstab bei mir ist irgendwie der Disney-Film und das hat ja hinten und vorne nicht gepasst. Und wenn andere Filme, die auf wahren Geschichten beruhen, genauso Käse sind, dann schau ich mir das gar nicht erst an. 

„Night Crossing“ (1981)
Regie: Delbert Mann
Walt Disney Productions
„Ballon“ (2018)
Regie: Michael Bully Herbig

Wie ist Michael Bully Herbig an die Rechte für eine Neuverfilmung gekommen?
Bully musste von Disney die Rechte kaufen. Er kam 2012 bereits auf uns zu und dann hat sich das bis 2015 hingezogen. Er hat drei Jahre gekämpft und es hat sich nichts getan. Wenn er Roland Emmerich nicht privat gekannt hätte, hätte er die Rechte wahrscheinlich gar nicht gekriegt. Am nächsten Tag hat er Roland Emmerich angerufen und dann hat er die Rechte gekriegt, um das Ganze auf Deutsch zu verfilmen. 

Kann man sagen, dass Bully ein größeres Einfühlungsvermögen hatte, was die Regieleistung betrifft?
Auf jeden Fall. Natürlich hat er auch bessere Voraussetzungen gehabt. Das muss man auch fairerweise zugeben. Er hat uns als Berater gehabt. Er hat sich danach gerichtet, was wir erzählen. Er hat einen Regisseur aus der ehemaligen DDR als Berater gehabt. Er hat einen ehemaligen Stasi-Mitarbeiter gehabt. Er hat unsere Stasi-Akten gehabt. Er hatte viel mehr realistische Informationen und war auch viel mehr bemüht, die Sache so realistisch wie möglich darzustellen. Ich glaube, für die Amis war das einfach ein Film, der abgedreht wurde, eben auf Basis des STERN-Artikels und das war’s dann. Bully hat das einfach besser verstanden. Natürlich ist es ein Spielfilm und auch da passt nicht alles, aber die Szenen, die wichtig sind, die hat Bully wirklich realistisch dargestellt. 

Warum sind Sie immer noch auf Peter Strelzyk wütend?
Ich war im Krankenhaus und Peter hat leider die Sache so dargestellt, dass er der Initiator und Erbauer des Ballons war, was tatsächlich nicht so war. Die Idee kam von mir. Das Gebläse war meins. Der Brenner war meins. Also ich habe schon sehr wesentlichen Anteil gehabt. Aber ich war aus der Sache ein bisschen rausgedrängt. Wenn ich nach der Woche gekommen wäre und hätte gesagt, so war das nicht, dann hätten sie vermutlich auf mich gezeigt und gesagt, der will sich jetzt dazwischen drängen. So war ich aus der Nummer schon ein wenig raus. Was mir auch relativ egal war, denn ich habe mich zurückgezogen und im Januar wieder ganz normal zu arbeiten angefangen. Ich habe auf diese Weise ein ganz neues Leben angefangen und das war ja auch das Ziel. Mein Ziel war es nicht, irgendwo in den Medien zu erscheinen und dergleichen.

Causa Malcom Forbes – es gab eine Einladung von Malcom Forbes ins Château de Balleroy im Juni 1980, die an beide Familien gerichtet war, aber nur an Peter Strelzyk verschickt wurde. Peter Strelzyk hat für seine Familie zugesagt und für Ihre abgesagt – wieso das?
Es gab von Anfang an Spannungen, weil Peter sich vorgedrängt hat mit der Geschichte. Das mit der Einladung von Malcom Forbes, das hat mir dann schon irgendwie weh getan, dass er uns da rausgedrängt hat. Ich habe versucht mit ihm darüber zu reden. Er hat mich einfach weggedrängt. Als wir wieder Zuhause waren, bin ich wieder auf ihn zugegangen und dann hat er das ein zweites Mal gemacht bei einer Einladung nach Speichersdorf am Flugplatz Rosenthal. Auch diese Einladung ging für beide Familien an ihn, er hat zugesagt, für uns abgesagt. Dann war einfach Schluss. Ein wiederholtes Mal das gleiche, das war für mich nicht okay. 

Diese Flucht hat Ihrer beide Leben verändert. Kam es nie zu einer Aussöhnung zwischen Peter Strelzyk und Ihnen?
Ich finde es schade. Wir haben ja gemeinsam etwas gemacht, es ist unsere gemeinsame Geschichte. Es ist nicht meine Sache gewesen. Es ist nicht seine Sache gewesen. Wir haben das gemeinsam getan und ich hab es schon bedauert. Nach der Flucht hat Peter so Äußerungen gemacht, dass wir damals in der DDR keine Freunde waren und dass er viel lieber mit anderen zusammen war. Es war eine Zweckgemeinschaft, das muss man einfach so sehen.

Wie ist heute Ihr Kontakt zu den Strelzyks?
Peter Strelyzk ist vor dreieinhalb Jahren gestorben und zur Familie habe ich wieder Kontakt. Wir sind zur Premiere (von „Ballon“, 2018) wieder zusammengekommen. Wir reden miteinander, haben kein Problem. Das Problem ist auch nicht durch die anderen entstanden, es ist durch Peter entstanden. Die Dokumentation, die nach dem Film kam, auf Sat.1, da wird es von der Familie Strelyzk so quasi ein bisschen mit zugegeben, dass ein großer Anteil bei mir lag.  

Haben die Medien Ihre Familien entzweit? Was wäre gewesen, wenn sich niemand für die Geschichte interessiert hätte…
Was dann geworden wäre, das kann ich nicht sagen. Dann wäre jeder seinen eigenen Weg gegangen. Wie sich das Verhältnis dann entwickelt hätte? Es hätte sein können, dass wir den Kontakt behalten hätten, vielleicht auch nicht. Wir waren schon grundverschieden. Jeder hat seine eigenen Lebensvorstellungen gehabt und deswegen ist es schwer möglich, es im Nachhinein zu beurteilen.

Wer ist am Ende als Sieger vom Platz gegangen?
Ich sehe mich schon als Sieger, muss ich ehrlich sagen. Ich habe eine gute berufliche Laufbahn gehabt. Ich bin geflogen, war Fluglehrer, war Taucher. Für mich bin ich zufrieden mit dem was ich geschaffen habe. 2009 nach dreißig Jahren war der Punkt erreicht, an dem ich fast alles erreicht hatte. Ich habe immer verfolgt, wie der momentane Stand unserer Geschichte ist. Es hat mir nicht behagt, was da alles in den Medien stand und gezeigt wurde. Deswegen habe ich 2009 die Website erstellt und bin seitdem wieder aktiv. Und da ich seit 2016 im Ruhestand bin, kann ich mich viel intensiver mit der ganzen Sache befassen. Ich bin diesbezüglich viel unterwegs – sofern es Corona erlaubt.

Sie haben vierzig Jahre in Franken gelebt und leben heute in Chemnitz. Sie sind in Deutschland eine herausgenommene Persönlichkeit, was die DDR-Vergangenheit, Flucht und Wiedervereinigung bedeutet. Wie sehen Sie sich?
Ich sehe mich als Zeitzeuge, trete in Schulen auf und erzähle gerne etwas über die Zeit der DDR. Die jungen Leute interessieren sich unheimlich dafür. Ich bin sehr häufig in 9. bis 12. Klassen und das Interesse ist riesengroß. Eigenartigerweise nur im Westen, weniger im Osten. Ich bin seit 2009 in so vielen Schulen im Westen unterwegs gewesen. Im Osten bisher nur in einer einzigen. Das war letztes Jahr in Hoyerswerda ausgerechnet. Und jetzt habe ich eine Einladung für nächstes Jahr hier in Leisnig in der Nähe von Chemnitz.

Wie blicken Sie auf Flüchtlinge, die Lebensrisiken im Mittelmeer auf sich nehmen? Haben Sie mit Ihrer eigenen Fluchtgeschichte eine andere Sensibilität für das Thema Migration?
Ich habe da schon Verständnis, dass die Menschen aus dieser Situation gerne raus wollen und dafür alles in Kauf nehmen und ich finde schon, dass das nachvollziehbar ist. Wie man hier damit umgeht, ist wieder eine andere Geschichte. Ich habe eine Meinung und die vertrete ich ganz klar. Wer in unser Land kommt, hat sich an unsere Regeln und Gesetze zu halten. Dass die Menschen hierher wollen, kann ich gut verstehen. Und solange wir bereit sind, das auch mitzumachen, ist das auch in Ordnung. Es ist für die Flüchtlinge ein Abwägen der Risiken und ob die jetzt auf eine zumutbare Weise hier ankommen oder von irgendwelchen Schleppern für Geld irgendwo hingezogen werden. Sie wollen einfach aus ihrem Land raus, in Freiheit leben und das kann ich vollkommen nachvollziehen. 

Herr Wetzel, vielen Dank.

Günter Wetzel (geb. 1955) hat die Liebe wieder „Mit dem Wind nach Osten“ geführt. Er lebt in Chemnitz und betreibt die Website ballonflucht.de. Das Interview wurde geführt am Fest des hl. Martin, den 11. November 2020.

Veröffentlicht von Benedikt Winkler

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary. Benedikt Winkler forscht zu „Theologien im Kontext religiöser Pluralität: Differenzierungen - Herausforderungen - Perspektiven und Chancen“. „Ich schreibe für Digital Natives, Digital Immigrants und Silver Surfer, welche die Geister unterscheiden möchten.“

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