Economy of Francesco

Der Wirtschaft eine Seele geben, das ist das Anliegen von Papst Franziskus und vieler junger Unternehmer*innen weltweit. Vom 19. bis 21. November 2020 findet in Assisi ein internationales Online-Streaming-Event statt, deren „virtuelle“ Teilnahme Papst Franziskus bestätigt hat. Vorausgegangen ist dem Treffen eine monatelange Vorbereitung der Innovation, Partizipation und Reflexion in zwölf Dörfern.

„Liebe Freunde, ich schreibe euch, um euch einzuladen, an dieser Initiative teilzunehmen, die sehr nah an meinem Herzen ist“, schreibt Papst Franziskus in einem Brief an junge Unternehmer*innen auf der ganzen Welt. Der Pontifex lädt zu einem gemeinsamen Bündnis der globalen Veränderung, um die Wirtschaft von Heute zu verändern und der Wirtschaft von Morgen eine Seele zu geben. Der Papst fragt, ob es hierfür einen besseren Ort als Assisi gäbe, der seit Jahrhunderten einen Humanismus der Brüderlichkeit symbolisiere.

Die „Economy of Francesco“ ist eine Bewegung junger Menschen mit unterschiedlichen Gesichtern, Persönlichkeiten und Ideen, die auf der ganzen Welt präsent ist und wächst, um der Wirtschaft von Morgen eine Seele zu geben. Gerade heute braucht die Welt die Kreativität und die Liebe junger Menschen, die Handwerker der Zukunft seien, heißt es in dem Brief. Das Komitee arbeite daran, die Realisierung des innovativen globalen Programms sicherzustellen, welches einzigartige Elemente der „Economy of Francesco“ enthalte. Der Name des Events „Economy of Francesco“ erinnere an den Heiligen von Assisi, den in der kleinen Kirche in San Damiano vom Kruzifix die Worte ereilten: „Geh, Franziskus, bau mein Haus wieder auf, welches, wie du siehst, zu einer Ruine verfällt“. Franz von Assisi sei ein außergewöhnliches Beispiel der Sorge um die Verwundbarsten und Verletzlichsten der Gesellschaft und einer integralen Ökologie.

Eine Wirtschaft nach dem Vorbild von Franziskus habe wie folgt zu sein:
Visionär: Sie gibt Hoffnung für unsere Zukunft, von der nicht nur die Ärmsten der Armen profitieren, sondern die ganze menschliche Familie. Sie entledigt sich der Weltlichkeit und wählt Gott als Kompass des Lebens.
Nachhaltig: Sie korrigiert Modelle des unbegrenzten Wachstums, die unfähig sind, die Würde der Arbeiter und die Rechte der zukünftigen Generationen zu garantieren.
Gläubig: Sie überdenkt mentale und moralische Prioritäten, um sie in eine größere Übereinstimmung zu bringen mit den Geboten Gottes und den Forderungen des Gemeinwohls.
Geschwisterlich: Sie ist brüderlich-geschwisterlich und sozial gerecht. Sie produziert keine Opfer, sondern feiert mit jeder einzigen Person ein Fest der universalen Geschwisterlichkeit (Papst Franziskus gebraucht das Wort „fraternity“).

Die Veranstaltung begann am Donnerstag, den 19. November 2020 in Assisi mit einem Video der Internationalen Bewegung ATD Fourth World: Listen to the cry of the poorest to transform the Earth. In seiner Begrüßungsrede rezitierte Msgr. Domenico Sorrentino, der Bischof von Assisi und Präsident des Komitees, den „Sonnengesang“ und sagte, dass es vor 800 Jahren zu einem berühmten Streit kam, der mit fundamentalen Werten zu tun hatte und welcher die Bedeutung des Lebens generell betraf. Der Tuchhändler Pietro di Bernardone, der Vater von Franz von Assisi, hatte Geld vergötzt. „Franziskus hatte verstanden, dass Geld nur ein Werkzeug sei, um eine schöne Wirtschaft aufzubauen – reich an Sinn und Talent – eine, die niemanden auszuschließen weiß. Im Gegenteil: sie müsse darüberhinaus das Wohl aller und das der Geringsten einbeziehen.“ Franziskus machte seine Nacktheit zu einem Manifest. Der Bischof bedeckte ihn mit seinem Mantel. Es war die Begegnung von Institution und Charisma – es war für beide ein Zuhören.

«Francesco aveva capito che il denaro è solo uno strumento. Come tale, serve a costruire una economia bella, ricca di senso e di dono, che non può escludere nessuno, al contrario deve puntare al bene di tutti e soprattutto degli ultimi.»

Domenico Sorrentino

Kardinal Peter Kodowo Appiah Turkson, Präfekt des Päpstlichen Dikasteriums zur Förderung integraler menschlicher Entwicklung sprach die jungen Organisatoren an: „Sie haben sich entschlossen, ein globales Netzwerk junger Führungskräfte und Akteure des Wandels im Wirtschaftsbereich aufzubauen, ein Netzwerk, das der Wirtschaft der Zukunft eine Seele geben kann. „Wenn wir die Gesellschaft überdenken wollen, müssen wir menschenwürdige und gut-bezahlte Jobs kreieren, insbesondere für junge Menschen“, zitierte Turkson in seiner Videobotschaft Franziskus. Es sei kein Zufall, dass das Treffen in Assisi stattfände, der Stadt des heiligen Franziskus, der den Namen des aktuellen Papstes inspiriert habe. Der hl. Franziskus sei ein Beispiel für „universale Liebe für alle Brüder und Schwestern und für die ganze Schöpfung. Er ist eine Inspiration für Frieden und soziale Liebe“. Turkson betonte, dass jeder einzelne eine Würde habe vom „CEO“ bis zum „Cleaner“ – ungeachtet seiner oder ihrer Rolle. Inspiriert vom hl. Franz von Assisi und unter Führung von Papst Franziskus gelte es für junge Menschen des Glaubens und des guten Willens, nobler Ausdruck sozialer Liebe zu sein, die eine neue Wirtschaft hervorbringt: gute Arbeit, guten Wohlstand, guten Profit.

Francesca Di Maolo mahnte die jungen Menschen: „Baut an einem integrativen Wirtschaftssystem, das nicht nur ein einziges Opfer mehr produziert oder eine einzelne Person an den Rand stellt. Es wird keine Entwicklung oder Fortschritte geben, wenn sich nicht um die fragilsten Mitglieder der Gesellschaft gekümmert wird. Sie können das aktuelle Wirtschaftssystem ändern“.

In dem Panel „Friedensökonomie und industrielle Umstellung: ein Recovery-Plan für die Welt“ sprachen die Redner Raul Caruso, Juan Camilo Cárdenas und Susi Snyder die Fragen des Verhältnisses zwischen Wirtschaft und Frieden an. Insbesondere der Direktor des CESPIC und Professor für Friedensökonomie an der Katholischen Universität des Heiligen Herzens, Prof. Raul Caruso befasste sich mit der heiklen Frage des Verhältnisses zwischen öffentlichem Interesse und privatem Sektor im Streben nach Frieden: „Dieser Aspekt ist besonders relevant, wenn wir die Militärindustrie betrachten, in der private Anreize häufig mit dem Interesse der Gemeinschaft kollidieren. Der Privatsektor spielt auch eine Rolle bei der Zuweisung von Ressourcen für Investitionen, die kein Vorbote von Konflikten sind, sondern eher Motoren der Lösung.“

An den Online-Treffen nahm auch der Ökonom Jeffrey Sachs (UN Sustainable Development Solutions Network) teil. Mit „Freude vervollkommnen: Drei Vorschläge, um das Leben gedeihen zu lassen“ machte er den Vorschlag für einen Child Flourish Index, ein Index zur Bewertung des Wohlbefindens von Kindern. Prof. Sachs sagte, er sei bereit, an dem Projekt mitzuarbeiten: „Das von mir verwaltete Netzwerk für nachhaltige Entwicklung hat verschiedene Indizes zum Glück entwickelt, die auf Daten und Indikatoren basieren, die das Wohlbefinden von Kindern betreffen. Wir brauchen wegweisende Wege, und einige davon können sehr nützlich sein. In der vernetzten Welt gäbe es Möglichkeiten, diese Informationen heute zu verarbeiten und dann politischen Akteuren Lösungen vorzuschlagen.“ Stefano Zamagni, Präsident der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften, sagte, es gäbe keine einfachen Antworten, aber Hoffnung.

Am Freitag, den 20. November nahm der Friedensnobelpreisträger von 2006, Muhammad Yunus, teil. In seiner Rede „Finanzen und Menschlichkeit: ein Weg zu einer integralen Ökologie“ ebnete der bengalische Begründer des Mikrokredit-Gedankens den Weg für einen Paradigmenwechsel.

„Die Covid-19-Pandemie hat alle Schwächen des gegenwärtigen Systems aufgedeckt. Diejenigen, die weltweit am Rande der Existenz standen, sind noch mehr an den Rand gedrängt. Jetzt arbeiten alle daran, zur Situation vor der Pandemie zurückzukehren. Aber warum wollen wir zu diesem System zurückkehren, das schrecklich war?“

Muhammad Yunus

Ebenfalls von zentraler Bedeutung war das Treffen mit der indischen Umweltaktivistin und Mitglied des Club of Rome und des Internationalen Forums für Globalisierung, Vandana Shiva:

„Die Wirtschaft sollte sich um unser gemeinsames Zuhause kümmern. Wenn wir im Einklang mit der Natur arbeiten, schaffen wir Wohlbefinden. Die Schlüsselwörter müssen sein: lokale Verteilung, gesunde Ernährung, der Erde zurückgeben, was die Erde uns gibt, teilen. Lasst uns der Erde zurückgeben, was sie uns bietet. Der Geist ist der der Dankbarkeit, des Dienstes, der Fürsorge.“

Vandana Shiva

Am Samstag, den 21. November, stellten Kate Raworth und John Perkins unter dem Titel „Wir sind alle Entwicklungsländer – ein gutes Leben für alle innerhalb planetarer Grenzen“ das Fishbowl-Modell* vor, welches den ökologischen Fußabdruck der Länder dieser Welt quantifiziert. „Jung genug, um die Welt zu verändern“ ist das Motto von Lilly, einer thailändischen Umweltaktivistin, die für plastikfreie saubere Straßen in Thailand kämpft. Der Untersuchung von Studierenden des San Carlo College in Mailand über die Verschwendung von Wasser in ihrer Stadt, schloss sich ein Quiz an zum weltweiten Zugang zu sauberem und sicherem Trinkwasser. Kreativität und Fantasie waren gefragt.

Bündnis von Assisi – Zeit zum Wagnis
Papst Franziskus wandte sich in einem Video-Grußwort um 17.30 Uhr an die jungen Ökonomen, Unternehmer, Arbeiter und Führungskräfte aus 115 Ländern, indem er sich bedankte für all die Anstrengungen der vergangenen Monate. Die ursprüngliche Idee sei es gewesen, sagte er, sich in Assisi zu treffen, um Inspiration zu finden in den Fußspuren des hl. Franziskus. Dessen Berufung rief der Papst in Erinnerung. Im Kreuz von San Damiano und in vielen anderen Gesichtern – wie in dem des Aussätzigen – sei der Herr zu Franziskus gekommen, habe ihn gerufen und ihm eine Mission gegeben. Er ermächtigte Franziskus, alle Götzen abzulegen, die ihn isoliert hatten vom Nächsten.
Für Papst Franziskus bedeute das virtuelle Treffen in Assisi kein Endpunkt, sondern der Beginn eines Prozesses, der zusammen unternommen werde als Berufung, als Kultur und als Bündnis.

„Die Schwere der gegenwärtigen Situation, machte die Covid-Pandemie offensichtlich, sie erfordert einen verantwortungsvollen Standpunkt von allen sozialen Akteuren, allen von uns, mit euch (liebe junge Menschen) in vorderster Front. Die Auswirkungen unserer Maßnahmen und Entscheidungen werden euch persönlich betreffen. Deswegen könnt ihr nicht außerhalb der Zentren bleiben, die nicht nur eure Zukunft beeinflussen, sondern auch, davon bin ich überzeugt, eure Gegenwart. Ihr könnt nicht von diesen Orten abwesend sein, wo die Gegenwart und die Zukunft erzeugt werden. Ihr seid entweder Teil von ihnen oder die Geschichte geht an euch vorbei. (…)

Ich erinnere mich, als ich das erste Mal ein gesperrtes Wohnbezirk (un barrio cerrado) gesehen habe: Ich wusste nicht, dass sie existieren. Es ist im Jahr 1970 gewesen. Ich musste gehen und Jesuitennoviziate besuchen, und in dem einen Land (vermutlich Spanien, Anm. d. Red.), als ich durch die Stadt ging, sagte man mir: ‚Du kannst nicht in diesen Stadtteil gehen, weil es ein gesperrtes Bezirk ist‘. Mittendrin gab es Mauern, Häuser und Straßen, aber abgesperrt: eine Nachbarschaft, die in Indifferenz wohnt. Ich war ziemlich geschlagen. Danach wuchsen und wuchsen diese Nachbarschaften überall. Lass mich dich fragen: Ist dein Herz wie ein verschlossenes Wohnbezirk? (…)

‚Die Armen‘ und ‚die Ausgeschlossenen‘ sind reale Menschen. Anstatt sie von einem eher technischen oder funktionalen Standpunkt zu sehen, ist es Zeit, sie zu Protagonisten ihres eigenen Lebens werden zu lassen. (…) Lasst uns nicht für sie denken, sondern mit ihnen. Nicht schauspielern nach dem Modell der Aufklärung, wie aufgeklärte Eliten, wo alles für die Menschen gemacht ist, aber nichts mit den Menschen. (…) Lasst uns von ihnen lernen, wie man ökonomische Modelle erstellt, von denen jeder profitiert. (…)

Viele von euch werden die Fähigkeit haben, makro-ökonomische Entscheidungen zu beeinflussen und zu treffen, die das Schicksal vieler Nationen angehen. Auch hier gibt es einen großen Bedarf für Einzelne, die gut vorbereitet sind, „weise wie Schlangen und unschuldig wie Tauben“ (Mt 10,16), einzelne, die in der Lage sind, für die ’nachhaltige Entwicklung von Ländern zu sorgen (…) und sicherzustellen, dass sie nicht von bedrückenden Leihsystemen unterworfen werden, welche weit davon entfernt den Fortschritt zu fördern, Menschen in Mechanismen zwängen, die größere Armut, Exklusion und Abhängigkeit generieren‘.

Politik und Wirtschaft dürfen nicht ‚Subjekte des Diktats eines effizienzgetriebenen Paradigmas der Technokratie werden. Heute mit Blick auf das Gemeinwohl gibt es für Politiker und Ökonomen ein dringendes Bedürfnis danach, in einen lockeren Dialog zu kommen im Dienst am Leben, insbesondere des menschlichen Lebens‘ (Laudato Si). Wenn dieser Focus und diese Richtung vernachlässigt werden, bleiben wir Gefangene einer Kreislaufhaftigkeit, die außerirdisch macht, die nur die Dynamiken der Degradierung, der Exklusion, der Gewalt und der Polarisierung verewigt. (…)

Niemand ist allein gerettet. Gott schenkt am Ende, dass es nicht länger die ‚anderen‘ geben wird. (…) Die Geschichte lehrt uns, dass kein System oder Krise vollständig unsere Fähigkeiten, Einfallsreichtum und Kreativität unterdrücken konnte. Seid nicht besorgt, involviert zu werden und die Seele eurer Städte mit dem Blick Jesu zu berühren.“

Papst Franziskus (Vollständiger Text)

Zu der Konferenz traten namhafte Keynote-Speaker in Dialog mit der jungen Community: Vandana Shiva, Muhammad Yunus, Carlo Petrini, Jennifer Nedelsky, Consuelo Corradi, Leonardo Becchetti, Mariana Mazzucato, Jeffrey Sachs, Stefano Zamagni, Kate Raworth, Mauro Magatti, Juan Camilo Cárdenas, Cécile Renouard, u.a.

www.francescoeconomy.org
* www.goodlife.leeds.ac.uk/world-map
Der Brief von Papst Franziskus im Wortlaut

Veröffentlicht von BWI-MEDIA

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary

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