Theologie, die Millennials versteht

Macht der optimierte Mensch von morgen keine Fehler mehr? Lebt er oder sie wie in einer Bubble der Dauerbespaßung? Die Millennial-Generation wächst in ihrer Ich-Konstruktion kontrolliert heran, schreibt Johanna Haberer. Die evangelische Theologin versucht in ihrer „Digitalen Theologie“ nicht nur die komplexen Lebenswirklichkeiten der Generation Y zu verstehen. Von Martin Luther bis Steve Jobs zieht sie eine Medienbilanz der letzten fünfhundert Jahre mit ihren Akteuren und Profiteuren. Dabei begibt sie sich auf die Suche, erzählt Geschichten und diskutiert die brennenden Fragen von Identität, Authentizität, Transparenz, Spiel und Geheimnis.

Buchdruck und Individualisierung
Wie viele andere Medienexperten, die ein Buch über Digitalisierung schreiben, beginnt auch die Publizistin Haberer in ihrer „Digitalen Theologie“ erst einmal mit dem Allgemeinplatz, dass die Medienrevolution der Gegenwart mit dem Buchdruck vergleichbar sei. Was vor fünfhundert Jahren die Tür der Wittenberger Schlosskirche war, woran Martin Luther die Flugblätter mit seinen reformatorischen Thesen genagelt hat, ist heute die Timeline der Netzwerke. Der Vergleich leuchtet ein. Dass mit dem Massenmedium Buchdruck allerdings auch das Zeitalter des Individualismus angebrochen sei, ist eine nicht so geläufige These von Marshall McLuhan.

Vision biblischen Ausmaßes
Der geniale Medientheoretiker des 20. Jahrhunderts hoffte seinerzeit, dass endlich Filme, Fernsehen und Radio das Potenzial in sich trügen, Kollektive zusammenzuführen, fähig, dem Menschen ein Gefühl von Heiligkeit, Bedeutung und Geheimnis zurückzugeben. Der zum Katholizismus konvertierte Medienprophet McLuhan prägte den Begriff des „globalen Dorfs“, seine Vision war eine Verwobene: eucharistische Frömmigkeit und pfingstliche Vernetzung – ein bisschen so wie im Film „Avatar“ von James Cameron.

Geheimnis vs. Transparenz
Die Theologin Haberer lässt bei aller Fortschrittseuphorie McLuhans jedoch denselben im Dorf und enttarnt – u.a. mit der dialektischen Theologie Karl Barths – die heutigen Netzgiganten und ihre Umsonst-Ideologie. Sie würden „säkulare Heilsversprechen im quasireligiösen Gewand“ anbieten. Gratia, Gnade Gottes, sei etwas anderes. Und doch lässt sich Haberer ein auf ein Gedankenexperiment nach dem Roman „The Circle“ von Dave Eggers. Dieser beschreibt einen totaltransparenten Menschenzoo, der nach den Regeln funktioniere: Geheimnisse sind Lügen und Teilen ist Heilen. Das Experiment läuft auf die Frage hinaus: Würde weniger Böses geschehen, wenn die Menschen weniger Geheimnisse voreinander hätten? Dass jedoch der ständig zur Transparenz aufrufende Zoobesitzer, im Bild gesprochen, irgendwann der einzige ist, der noch ein Geheimnis hat, ist die „Delle im Universum“ (Steve Jobs).

Der Mensch wird am Du zum Ich
Was Online-Dating anbelange, argumentiert Haberer mit drastischen Worten, seien die Netzportale ein „auf Freiwilligkeit, oder, besser, auf Unwissenheit basierender Menschenhandel“, die in ein „Meer der unverbindlichen Online-Beziehungen“ führen würden. Vielen gehe es wie Sappho, der legendären Poetin, die im 7. Jahrhundert auf Lesbos ein monadenhaftes Dasein führte. Sappho repräsentiert das Lebensgefühl einer ganzen Generation, das sich „lost in cyberspace“ fragt, wer man sei, wenn man online ist. Die Millennials seien die Generation, behauptet Haberer, die in ihrer digitalen Ich-Konstruktion kontrolliert heranwachse, oder mit den Worten des weißrussischen Netzkritikers Eugene Morozow: „Wenn unser ganzes Leben … optimiert wird, wenn sämtliche Versuchungen beseitigt werden, wenn wir keine andere Wahl mehr haben, als immer nur das Richtige zu tun, dann schrumpft die spirituelle Weide, auf der das Selbst gedeihen sollte, beträchtlich zusammen“. Die Ich-Konstruktion der Millennials setzt die Theologin in Beziehung zur Anthropologie des „in Gott ruhenden Ich“ bei Augustinus, zum „gottoffenen Ich“ bei Martin Luther, zum „Ich im Raum-Zeit-Netz“ bei Martin Buber, zum „fragmentierten Ich“ bei Dietrich Bonhoeffer, zum „erweiterten Ich“ bei Marshall McLuhan und zum „Ich des homo ludens“ bei Johan Huizinga. Originell wird es am Ende des Buches, wenn Haberer Zehn Gebote für die digitale Welt formuliert, die in etwa lauten: Du brauchst dich nicht vereinnahmen zu lassen, Du darfst den netzfreien Tag heiligen, Du darfst nicht illegal downloaden und nicht digital Rufmord betreiben.

Weder Traktat noch Wellness
Die „Digitale Theologie“ von Johanna Haberer ist kein Fachbuch mit abstrakten Abhandlungen und auch kein Wohlfühl-Buch mit Kalenderweisheiten. Es ist geschrieben von einer wachen Publizistin und Theologin, die – nicht zuletzt im Gespräch mit ihrer Tochter – die Augen vor der Realität nicht verschließt. Haberer spielt sich weder als moralisierende Übermutter auf, noch biedert sie sich im peinlichen Jugendwahn an oder verliert sich in Erklärungen, wie die Welt funktioniert. Ihr populärwissenschaftlich-informierender, flott geschriebener und empathischer Versuch, die komplexe Lebenswelt der Millennial-Generation zu erfassen und zu verstehen, überzeugt. Wessen Herkulesaufgabe wird es sein, die ungeheuren Potenziale des digitalen Kosmos zu zivilisieren? Mit dem berühmten Netzkritiker Jaron Lanier fragt Haberer, wem die Zukunft gehört.

HABERER, Johanna: Digitale Theologie: Gott und die Medienrevolution der Gegenwart. München : Kösel-Verlag, 207 S., 13,99 EUR

Digitale, Theologie, Konstruktivismus, Sappho, Millennials

Veröffentlicht von BWI-MEDIA

Theologe & Journalist - Artworks, Film and Documentary

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