Ein Weg zum Gebet

„A Path to Prayer“ von Erzbischof Thomas Menamparampil / in Auszügen übersetzt

„Zeige mir, Herr deinen Weg, / leite mich auf ebener Bahn trotz meiner Feinde!“ (Ps 27,11)

Gebet ist ein populäres Thema heute. Es gibt viele Gebetshäuser, die wie Pilze aus dem Boden sprießen, ein Wuchern von Bücher zum Gebet, es gibt Gebetsfestivals und Gebetsseminare, die Menschenmengen anziehen. Ist es ein Zeichen, dass es ein immer größeres Interesse am Gebet gibt als je zuvor? Oder liegt es daran, dass wir etwas schrecklich zu vermissen beginnen, etwas, das abwesend scheint in unserem Leben? Für gewöhnlich sprechen wir von etwas, was wir vermissen. Generell vermissen wir etwas, was abwesend ist.
Ist das Gebet die große Abwesende in unserem Leben?

Ja, wir müssen zugeben, es gibt einen natürlichen Hunger nach dem Gebet in jedem Menschen. Soll ich einen Schritt weitergehen? Soll ich sagen: „Gebet ist Hunger?“ Es gibt eine natürliche Kraft im Herzen eines jeden Menschen, die ihn oder sie über sich hinausweist. Das Drängen dieser Kraft streckt sich nach dem Absoluten aus und findet Ausdruck im Gebet in all seinen Formen. Gebet ist Hunger nach Gott.

Aus diesem Grund ist es schwierig, jemandem beten zu lehren. Du kannst ein Gebet lehren, du kannst Methoden lehren, du kannst studieren, analysieren und Gebetsprozesse evaluieren. Aber das führt nicht zum Herzgrund, genausowenig wie dir das Studium von Hygiene und Physiologie Appetit macht. Alles ist nützlich. Aber es gibt eine Grenze irgendwo, die aufhört dienlich zu sein.

Auf der anderen Seite kann es extrem einfach sein, jemandem beten beizubringen. Es hilft sie oder ihm den Hunger zu erkennen, der bereits da ist. In der Tat weiß niemand so richtig, wie man eigenständig betet. Aber es gibt etwas, oder soll ich sagen, jemanden, der in uns am Werk ist. Er betet an unserer Stelle. „So nimmt sich der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen.“ (Röm 8,26)

Der erste Moment hin zum Gebet lässt sich vergleichen mit einem ,Sich-verlieben‘. Es passiert einfach. Spontanität und Natürlichkeit sind die Qualitäten, die eine Beziehung zwischen zwei verliebten Personen charakterisieren. Ihr Gespräch wird nicht reguliert von Logik, weder von Grammatikregeln noch von der richtigen Punktsetzung. Auch nicht von Normen der Etiquette. Wenn sich jemand Hals über Kopf in Gott verliebt, dann antwortet er oder sie nicht auf ihren oder seinen Hunger nach Gott im Gebet – ihr oder sein Leben wird Gebet.

„Ich überdenke meine Wege, / zu deinen Vorschriften lenke ich meine Schritte.“

Psalm 119,59

Wie geschieht das? Wie verliebt sich jemand in Gott? Manche Leute behaupten, sie hätten ein „religiöses Erlebnis“ gehabt. Sie erinnern sich an einen Moment als sie von Gott überwältigt waren. Sie waren vielleicht Menschen, die völlig achtlos gegenüber Gott waren oder ihm sogar zuwiderhandelten. Aber plötzlich brach der HERR in ihr Leben und änderte alles. Das war der Fall bei Paulus auf dem Weg nach Damaskus, bei Augustinus in der Mitte seines ausschweifenden Lebens, bei Ignatius im Krankenbett, oder bei Xavier an der Universität. Sie waren ergriffen von Gott. Sie waren hoch angesehene Persönlichkeiten – als sie sich änderten, änderte sich die Welt mit ihnen. Andere können ähnliche Momente in Erinnerung rufen, als Gott von ihnen Besitz ergriff und sie von innen her verwandelte.

Solch ein „religiöses Erlebnis“ ist geschehen mit einer kraftvollen Begegnung des Wortes Gottes in Zeiten persönlicher Krisen. Augustinus fühlte ein inneres Drängen die Schriften zu nehmen und sie zu lesen, als er im Garten saß und innere Spannungen auszuhalten hatte. Er blickte auf die Botschaft des Paulus: „Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. Legt als neues Gewand den Herrn Jesus Christus an, und sorgt nicht so für euren Leib, daß die Begierden erwachen.“ (Röm 13,13-14). Augustinus war ein anderer nach diesem Moment. Er war „erfüllt vom Licht der Gewissheit, und alle Schatten des Zweifels verschwanden.“ (Confessions 8,12.29)

Augustinus war zuvor mit den Schriften nicht unvertraut. Er war sogar ein emsiger Student der Paulusbriefe. Aber diese Verse hatten plötzlich einen tiefen Einschlag und seine innere Welt war in Aufruhr. Das Wort Gottes berührt dich manchmal auf unerwartete Weise zu unbestimmten Zeiten.

Ignatius bekehrte sich, als er vom Leben Christi und der Heiligen las, und Xavier durch die starke Persönlichkeit des Ignatius. Der beschwingte Glauben eines Mitreisenden hat eine unwiderstehliche Kraft, wenn man den Pilgerweg ins Tal der menschlichen Ungewissheiten geht. Es rührt unsere Tiefen an. Wir können einen Blick auf den Zimmermann aus Nazareth bekommen, der Christus heißt. Vor ihm zerbricht jeglicher menschlicher Widerstand. Wie Nathaniel, der ausruft: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes! Du bist der König von Israel!“ (Joh 1,49). Das ist völliges Aufgeben. Es ist ER, der fortan diktiert.

Das Beispiel heiliger Menschen inspiriert. Das einfache Leben von Maria hat einen unfehlbaren Charme für die Pilger. Sie ist nicht nur ein Vorbild, sondern auch eine gute Begleiterin auf dem Weg und eine sehr verlässliche Hilfe.

Gebet ist…

Gebet ist ein Hunger.
Aufmerksam-sein für Gott.
Beziehung mit dem Allmächtigen,
ein Sehnen nach dem Absoluten,
die Mühe sich selbst zu transzendieren.
Gebet ist Hingabe.
Gebet ist Verehrung.
Gebet ist Lobpreis.

Gebet ist ein Staunen vor der Größe Gottes.
Gebet ist Bewunderung einer Größe,
wie sie sich widerspiegelt in der Natur, in der Kunst, in der gesamten Schöpfung.
Gebet ist Danksagung.
Gebet ist ein lebenslanges Danken dem Vater für die Wunder, die er seinen Kindern bereitet.

Gebet ist eine Bitte.
Es ist ein ständiges Bitten.
Eine unaufhörliche Fürbitte.

Es ist Warten in Geduld.
Es ist Kampf.
Es ist Scheitern, Schmerz, Leiden: Es ist Tod.
Es ist beides nerviger Zweifel und unnachgiebiger Glaube.
Es ist beides überwältigende Dunkelheit und blendendes Licht.
Es ist beides Schmerz und Heilung.

Gebet ist Herausforderung, Revolte und Aufgeben.
Es ist Abflug und Rückkehr.
Es ist Unbestimmtheit, Angst und unerschrockener Mut.

Es ist die Erfahrung von Hilflosigkeit, Abweisung, Verzweiflung,
aber auch von Beistand, Akzeptanz und Sieg.
Gebet ist das Kreuz.
Gebet ist Vergebung, Versöhnung und Auferstehung.
Gebet ist Liebe.
Gebet ist Ewigkeit.

Du wirst darin übereinstimmen, dass das Gebet essentiell ist für das Wachstum einer persönlichen Beziehung. Du liebst Gott, du hast seine Güte erfahren. Du bist dir deiner Schwachheit im Gebet bewusst. Du findest es schwer, dich zu konzentrieren. Du wirst ständig abgelenkt. Es gibt Zeiten, in denen du sogar die ganze Zeit abgelenkt bist. Es gibt Zeiten, in denen der HERR im Gebet abwesend zu sein scheint. Du hast mit IHM geweint. Du hast gebettelt, geschrien und den Himmel gestürmt. „Es ist dein Gesicht, O Gott, dass ich suche. Verstecke dein Antlitz nicht vor mir.“ Es gibt Zeiten, an denen du fühlst, du klopfst an verschlossene Türen. Wie kannst du davon ausgehen, Fortschritte zu machen, wenn deine Erfahrungen sind, immer wieder zu scheitern? Du scheinst in einem Teufelskreis gefangen zu sein von Stagnation, Monotonie und Langeweile. Aber Gott sei Dank, bist du gläubig geblieben. Du hast ausgeharrt. Du hast nicht aufgegeben zu beten.

Wie Jesus im Garten Gethsemane, der „in seiner Angst noch inständiger betete“ (Lk 22,44). Du hast gebetet in großer Ausdauer. Du hast gewartet und gehofft, auf ein aufscheinendes Licht am Horizont. Du hast mit der Autorität des heiligen Johannes vom Kreuz und der heiligen Teresa von Avila große Fortschritte gemacht, bist durch die Erfahrung gegangen, die die „Dunkle Nacht der Seele“ genannt wird.

Catherine Doherty hat die Worte geprägt vom „stumpfen Tag des Gebets“. „Das Gebet hört auf, irgendwas zu bedeuten. Tage werden grau und routiniert, und wir werden versucht zu sagen ,was soll das alles bedeuten?‘ Diese Art von Leid ist Sühne, eine Bitte um Vergebung, sogar die Bezahlung von Schuld, wenn du es so ausdrücken willst. Ein solches Leid ist nicht verheerend, im Gegenteil, es befreit. Es ist die Erlaubnis Gottes, insofern ER uns befreit. Wir könnten höher aufsteigen auf den Berg des Glaubens. Es ist ein Teil des Gebets, Teil der inneren Reise.“

Vielleicht haben dich die Hügel des Scheiterns, über die du gestapft bist, diesen Höhen näher gebracht, als du jemals zu hoffen gewagt hast selbst zu deinen besten Zeiten.

„Seid stille und erkennet, dass ich GOTT bin.“

Psalm 46,10

Wenn du die Reise in Gott anzutreten wünschst, dann musst du in Seine Stille eintreten. Wenn du wünschst, das Geheimnis des Schöpfers zu enthüllen, dann musst du die Stille erfahren, in die seine Präsenz und Aktivität gehüllt ist.

C. Doherty

„Deine Stille ist der Schlüssel, zum immensen und flammenden Herzen Gottes. Ja, eine solche Stille ist heilig, ein Gebet jenseits aller Gebete, die zum endgültigen Gebet der unaufhörlichen Gegenwart Gottes führt, zur Höhe der Kontemplation, wenn die Seele, völlig im Frieden, durch den Willen desjenigen lebt, der sie ganz, zutiefst und vollständig liebt.“

Catherine Doherty

In allen spirituellen Traditionen wurde die Stille am meisten geschätzt. Alle religiösen Regeln empfehlen Stunden der Ruhe, Räume der Privatheit, Zeiten der Abgeschiedenheit. Die Stille ist eine menschliche Notwendigkeit, den eigenen Frieden zu bewahren, die eigene seelische Gesundheit zu schützen, die eigene Identität zu wahren, das spirituelle Wachstum anzuregen. In der Stille können wir auf uns selbst schauen, so wie wir sind, und entdecken, ob wir unserer ursprünglichen Identität treu geblieben sind.

Stille ist nicht Nicht-Kommunikation. Es ist ein Bereit-sein für Gott. So kannst du die innere Stille bewahren selbst inmitten von mitreißenden Events und aufregenden Ereignissen. Du kannst dich zurückziehen in den Kern deines Seins und Zuflucht suchen in einer Wolke der Stille, dein Gesicht fest ausrichten in Richtung Gottes. Du kannst es in einer lautstarken Klasse; du kannst es inmitten hitziger Argumente oder wenn du von Versuchungen verspottet wirst. Doch du wirst deinen Weg in die innere Welt umso leichter finden, wenn du viel Zeit in tatsächlicher Stille verbracht hast und vertraut bist mit den Straßen und Nebenstraßen deines Herzens. Wenn du dein wahres ,Selbst‘ spürst jenseits des Labyrinths deiner Gedanken und Fantasien – dann hast du Gott erreicht und beginnst die Stille zu lieben. (…)

Thomas Menamparampil (Mitte), Erzbischof von Guwahati / Nordostindien
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